|
Henning CHRISTIANSEN
dans le cadre de la carte blanche à Gelbe Musik Berlin - création
sonore
Biographie

1932 geb. in Kopenhagen, seit 1985 Lehrtätigkeit an der Hochschule
für bildende Künste Hamburg, 1987 Gast des Berliner Künstlerprogramms
des DAAD, lebt in Askeby (Dänemark).

Henning Christiansen is a composer who uses normal instruments and noises
and who also makes art objects in the Fluxus tradition: e.g., his "Betrayal,
op. 144," a carton filled with various small objects and an EP, signed
and numbered (available from Gelbe Musik). ~ Blue Gene Tyranny, All Music Guide
...

Note

Über SCHAF-MUSIK-KONZERT-SCHLOSS
Ich habe schon früher mit Schafen zusammengearbeitet. Zum ersten Mal
in Graz bei "Animal Art", Herbst 1987. Damals mit nur einem Schaf
und dazu zwölf Hühnern und einem Hahn. Sie waren sehr friedlich und
gingen um meinen Arbeitstisch in unserem Käfig herum, trotz viel und kräftiger
Lautsprechermusik. Der Hahn saß immer ganz oben und sein Krähen wurde
über Mikrophon und Delaybehandlung verstärkt. Der Hahn war sehr begeistert
und hat extra viel gekräht - stolz wie ein Hahn. Das Schaf hat nicht viel
gesagt. Das zweite Mal war auf Hövikodden, Oslo, Henie-Onstad Kunstcenter,
bei der Aufführung von NORDLYD am 28. März 1987, diesmal mit vier
erwachsenen schwangeren Schafen in einem großen Kellerraum, und da haben
wir, Björn Nörgaard, Ernst Kretzer und ich, entdeckt, was der Geruch
der Schafe für die Konzertvitalität bedeutet. Wir haben sozusagen
die Natur im Museum gerochen. Das Konzert hieß TIEFLAND und dauerte vier
Stunden. Björn Nörgaard hatte eine Landschaft aus Sand, Kies und Lehm
aufgebaut.
Das dritte Mal war im Fover des Musikhauses in Aarhus, Dänemark beim NOMUS,
Festival für neue nordische Musik, zusammen mit fünf Schafen, zwei
erwachsenen und drei schwarzen Lämmchen. Die fünf Schafe waren neben
einer Palme eingezäunt (Innenraumgartenanlage). Das Motiv wurde deswegen
biblisch und die Zuschauer erwarteten, daß ich wenigstens eins der Lämmchen
opfern würde, aber das geschah nicht, weil ich erstens Schafe sehr liebe,
und zweitens, weil das religiöse Opfer nicht mein Anliegen ist. - Ich arbeite
als Komponist gerne mit Tieren unter dem Motto: "Save the Nature - use
it." Ich meine, wir müssen mit Tieren und Pflanzen wie mit Freunden
(ja, wie einer Familie) umgehen. Wenn man mit der Natur unter ihren Bedingungen
verkehrt, haben alle viel davon.
Diesmal, auf der Donauwiese vor dem Brucknerhaus, wähle ich 30 Schafe,
auch weil ich denke, daß dann keiner in Österreich erwartet, daß
ich Schafe opfern will. Ich bin zwar gut befreundet mit Hermann Nitsch und verstelle
ihn ganz gut, er ist aber Opferpriester und für ihn geht es um die Urreligion,
aber ich bin Skandinavier und für die Skandinavier (Wikinger) war das Essen,
glaube ich, wichtiger als das Opfer, oder auch war gerade das Essen immer das
Opfer.
Vor dem Brucknerhaus soll es stattfinden, das gibt mir viele Gedanken. Erstmals
Bruckners große, nach der Natur angelegten Svmphonien, aus der Zeit der
blühenden Orchesterkultur, der großen Gefühle und des Hineinschauens
in die Klanglandschaft (Soundscape). Doch immer in die Landschaft eines Konzertraumes
und mit pinguingekleideten Musikern, vielen Geigen.
Ursprünglich stammen die meisten Instrumentklangideale ja von Tierstimmen
her oder von anderen Naturphänomengeräuschen. So z.B. die Geigen:
man hat wohl herausgefunden, daß ausgespannte Därme, getrocknet,
Geräusche von sich geben konnten. Man sagt ja auch ganz lustig: "Meine
Därme schreien."
Das wurde dann kultiviert, "raffiniert", und man hat viel für
den Geist des Menschen erreicht (Save the Nature, use it). Die Saiten haben
sozusagen dem Menschen Innerlichkeit zugespielt. Heute aber besteht für
mich die Möglichkeit, die Schafstimmen durch Elektrizität so zu behandeln,
daß sie als Instrument im Dienst unseres heutigen Klangausdruckes verwendbar
sind und uns außerdem über unser heutiges Verhältnis zur Natur
- auch unserer Natur als Menschen, zum Nachdenken bringen.
Ich habe schon mehrmals mit Tierstimmen gearbeitet, z.B. habe ich im ROMA ZOO
aus Tierstimmen eine Suite gemacht, die ich SYMPHONY NATURE nannte, habe auch
mit Wolfsgeheul gearbeitet und Kanarienvögeln (Das grüne Vogelchorklavier
- Nordjütlands Kunstmuseum) ("Die Freiheit ist um die Ecke" -
Gelbe Musik in Berlin) und auch Affengesang, alles auf Tonbändern bearbeitete
Natur. Für mich ist es jetzt sehr wichtig, wo und in welchem Zusammenhang
man solche Werke aufführt. Ich war schon damit in Konzerträumen, auch
in Theaterräumen, aber ich bin mit den Umgebungen für diese Tiermusik
nicht zufrieden, ich muß neue "Konzertsäle" für solche
Werke konstruieren und deswegen mache ich dieses relativ große "Konzertschloß"
auf der Wiese vor der Donau vor dem berühmten Brucknerhaus besonders gern,
es ist ideal für mich und ich schreibe ein neues Motto: "Schafe statt
Geigen." Die Wiese gehört sozusagen den Schafen, es ist ihr Gebiet,
sie gehören da hin und der Mensch kommt, um sie zu besuchen.

About SHEEP-MUSIC-CONCERT-CASTLE
I have worked with sheep
before. For the first time in Graz at "Animal Art", in the autumn of 1987. With
one sheep only, plus 12 hens and one cock. They were very peaceful and walked
around my table in our cage even though there was a lot of loud music coming
from the loudspeakers. The cock was always sitting at the top and his crowing
was amplified via microphone and delay. The cock was really thrilled and crowed
all the more often - proud as a cock he was. The sheep didn't say much. The
second time was on Hövikodden, Oslo, Henie-Onstad Art Center at the performance
of NORDLYD March 28,1987. That time I had 4 grown-up gestating sheep in a large
basement and we, Björn Nörgaard, Ernst Kretzer, and myself, discovered
what the smell of the sheep can do to the concert vitality. You might say that
we smelled nature in the museum. The concert was called TIEFLAND and lasted
for four hours. Björn Nörgaard had made a landscape of sand, gravel
and loam.
The third occasion was in the foyer of the Music House in Aarhus, Denmark on
the occasion of NOMUS, Festival for New Nordic Music together with 5 sheep.
2 grown-up ones and 3 lambs, black ones. The 5 sheep were fenced in beside a
palmtree (indoor garden). Thus the motif appeared to be biblical and the viewers
expected me to sacrifice at least one of my lambs, which did not happen, first
of all because I really love sheep and secondly because religious sacrifice
is not my concern - I enjoy working with animals as a composer according to
the slogan: "Save the Nature - use it." I believe that we have to treat animals
and plants as friends (indeed, as our family). If we accept nature's conditions,
everyone will be better off.
This time on the meadow on the banks of the Danube near the Brucknerhaus, I
choose 30 sheep - no one in Austria will then expect me to sacrifice sheep.
Actually, I am a friend of Hermann Nitsch' and think I understand him, but he
is a sacrificing priest and is concerned with original religion, but I am a
Scandinavian and for the Scandinavians (the Vikings), I think, food was much
more important than sacrifice or perhaps the food was the sacrifice.
That it is to take place in front of the Brucknerhaus brings quite a few ideas
to my mind. First of all, I think of Bruckner's great symphonies modelled after
nature, from the days of flourishing orchestral culture, great feelings and
gazing into the soundscape. Which was always the landscape of a concert hall
and musicians dressed up as penguins, many violins. Originally most ideals of
instrumental sounds were derived from animal voices or other sounds of natural
phenomena. The violins, for instance: someone found out that stretched out,
dried bowels could produce sounds, there is a funny saying: "My bowels are crying."
This has been civilized, "refined", and much has been achieved for the human
mind (Save the Nature, use it). The strings have played spirituality to the
human being. Today, however, I have the opportunity to treat the voices of sheep
electrically so that they can be used as instruments for our acoustic expression
and also to set us thinking about our present-day relation to nature - also
to our own nature as human beings.
I have worked with animal voices before, in the ROMA ZOO, e. g., I made a suite
of animal voices which I called SYMPHONY NATURA, I have also worked with the
howling of wolves and with canaries (The Green Birdchoirpiano - Museum of Art,
Northern Jutland) ("Freedom Is Around the Corner" - Yellow Music in Berlin)
and also monkey singing, all of it nature variations on tape. What is important
to me now is where and in which context such works are being performed. I have
been in concert halls, in theaters, but I am not really harpy with these environments
for my animal music. I have to construct new "concert halls" for such works
and therefore I really like this relatively large "Concert castle" on the meadow
at the Danube in front of the famous Brucknerhaus, it is ideal for me and I
am writing a new slogan: "Sheep instead of Violins." The meadow belongs to the
sheep, it is their territory, that's where they belong and people come to visit
them.
|